Kommunalpolitik zum Anfassen: Gauß-Schüler treffen OB Zeitler
Hockenheim, 26.03.2025
Bei einem Aktionstag fühlen Schüler des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums Rathauschef Marcus Zeitler auf den Zahn. Was hinter dem Projekt steckt
Kommunalpolitische Entscheidungen prägen unser tägliches Leben – von der Beschaffenheit der Straßen über die Ausstattung der Schulen bis hin zu Freizeitangeboten. Dennoch wissen viele Menschen mehr über die „große Politik“ auf Landes- und Bundesebene als über die politische Arbeit vor Ort. Genau hier setzte der Aktionstag „Schule trifft Rathaus“ am Gauss-Gymnasium in Hockenheim an. Ziel war es, den Schülerinnen und Schülern die Grundlagen der Kommunalpolitik näherzubringen und ihnen zu zeigen, wie sie selbst Einfluss auf Entscheidungen in ihrer Stadt nehmen können. Die Jugendlichen sollten nicht nur theoretisches Wissen erwerben, sondern auch aktiv Ideen entwickeln und diese direkt mit Oberbürgermeister Marcus Zeitler besprechen.
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB), die Hockenheim als Austragungsort auswählte. „Das Gauss-Gymnasium ist die erste Schule im Rhein-Neckar-Kreis mit einer solchen Initiative“, sagte Gemeinschaftskundelehrerin Jana Breiter stolz. Sie hatte sich proaktiv bei der LpB dafür beworben. „Ich finde es wichtig, dass Jugendliche Kommunalpolitik kennenlernen und das schulische Wissen anwenden können. In der eigenen Gemeinde mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen, ist wichtig und sollte von uns Lehrkräften unterstützt und gefordert werden“, beschrieb sie ihre Motivation.
Ein strukturierter Ablauf mit klaren Zielen
Der Aktionstag begann um 8 Uhr mit einer Begrüßung und der Vorstellung des Programms. Anschließend führte ein LpB-Team die Schüler in die Grundlagen der Kommunalpolitik ein. Themen waren unter anderem die verschiedenen Politikebenen in Deutschland, die politischen Akteure auf kommunaler Ebene und die konkreten Aufgaben einer Kommune.
Nach einer ersten Pause ging es um die konkrete Beteiligung der Jungen und Mädchen. Sie sammelten Ideen, was sich in ihrer Gemeinde ändern sollte, diskutierten die Realisierbarkeit und bereiteten das Gespräch mit dem Oberbürgermeister vor. Dabei ging es nicht nur darum, Wünsche zu äußern, sondern auch um die Frage, welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen die Umsetzung beeinflussen könnten.
Überraschende Zahlen und ehrliche Einblicke
Um 11 Uhr begann das Gespräch mit OB Marcus Zeitler. Dieser eröffnete die Fragerunde mit einer überraschenden Frage: „Was glaubt ihr, wie viel Geld die Stadt seit 2019 in die Renovierung eures Gymnasiums investiert hat?“ Die erste Antwort eines Schülers lautete 70.000 Euro – eine Summe, die nachvollziehbar schien. Doch die tatsächliche Zahl ließ die Schüler staunen: 6,6 Millionen Euro. Die Reaktion war spürbar – Verwunderung und Respekt für diese hohe Investition machten sich im Raum breit.
Zeitler nutzte die Gelegenheit, um die finanzielle Lage der Stadt zu erklären: „Der aktuelle Haushalt der Stadt Hockenheim beträgt minus 10 Millionen Euro. Er verglich die Situation mit einer Party: „Das ist, als würdet ihr mit minus 10 Euro auf eine Party gehen – dann könnt ihr euch dort auch nichts kaufen.“ Gleichzeitig betonte er, dass Bildung und die Unterstützung von Schulen und Kindergärten trotz des Defizits Priorität hätten.
Konkrete Ideen und die Realität der Bürokratie
Besonders gespannt waren die Schüler auf die Reaktion des Oberbürgermeisters auf ihre Vorschläge. Bennett stellte die Idee vor, den Fahrradweg zwischen Hockenheim und Reilingen mit Beleuchtung auszustatten. Seine Argumentation war gut durchdacht: Die Strecke sei vor allem in der Dunkelheit gefährlich, und eine bessere Beleuchtung würde nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch den Umstieg aufs Fahrrad attraktiver machen – ein nachhaltiger Effekt also.
Zeitler lobte die Idee, erklärte aber auch die komplexen Hintergründe: „Der Weg gehört zu zwei Dritteln zu Hockenheim und zu einem Drittel zu Reilingen.“ Die Stadt Hockenheim habe 140.000 Euro für die Beleuchtung im Budget vorgesehen – doch ohne die Beteiligung Reilingens sei das Projekt nicht förderfähig. Das Thema werde bereits seit über zwei Jahren diskutiert, aber die Gemeinde Reilingen habe aufgrund ihres Haushaltsdefizits eine Umsetzung bislang hinausgezögert.
Zusätzlich gebe es auch technische Hürden: Das Verlegen von Leitungen entlang des Kraichbachs sei wegen Umwelt- und Wasserschutzbestimmungen kompliziert. Man habe darüber nachgedacht, Solarleuchten mit Bewegungsmeldern zu verwenden – aber auch hier seien DIN-Vorgaben zur Helligkeit und zum Ausleuchtungsbereich zu beachten. Die Schüler bekamen an diesem Punkt ein Gefühl dafür, dass politische Entscheidungen nicht nur am Willen scheitern, sondern oft an bürokratischen und finanziellen Zwängen hängen. Zeitler sprach offen aus, was die Schüler an diesem Tag immer wieder erfuhren: „Gute Ideen scheitern oft an der Realität der Bürokratie.
Ein Calisthenics-Park in der Landesgartenschau?
Ein weiteres Anliegen brachte Emily vor: die Möglichkeit für mehr Sport in der Landesgartenschau, und zwar mit einem Calisthenics-Gerät. Zeitler antwortete, dass es bereits fünf oder sechs Stationen eines Trimm-dich-Pfads gebe, aber die Idee dennoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen sei. An dieser Stelle zeigte sich, wie wichtig ihm das Miteinander ist und dass er viel Wert darauf legt, auch den jüngeren Mitgliedern der Gemeinde ein offenes Ohr zu schenken. Er bot nämlich an, dass die Klasse ihm ein paar Bilder schickt, die er dann zur Diskussion mit in das Technikgremium nehmen könne. Man könne zwar nicht alles haben und Hockenheim biete ja schon sehr viel, so Zeitler, doch wenn es einfach zu machen sei und ohne viel Geld, dann würde er sich gerne dafür einsetzen.
Jugendbeteiligung als Schlüssel zur Veränderung
Ein wichtiges Thema war die Frage, wie sich Jugendliche konkret in die Kommunalpolitik einbringen können. Der OB nannte den Jugendgemeinderat als bestes Beispiel: „Ich habe 2003 den ersten Jugendgemeinderat im Rhein-Neckar-Kreis in Leimen gegründet – entgegen aller skeptischen Stimmen.“ In Hockenheim sei der Jugendgemeinderat bereits sehr aktiv – unter anderem habe er Sponsoren für den Ausbau des Skaterparks gewonnen.
Auch die Finanzierung kommunaler Projekte war ein Thema. Zeitler sprach offen darüber, dass die Stadt oft Aufgaben übernehmen müsse, die eigentlich Sache des Bundes seien – etwa der Ausbau des Glasfasernetzes. „Wir müssen oft kreativ werden, um solche Projekte trotzdem zu stemmen“, erklärte der Bürgermeister.
Persönliche Einblicke
Zum Ende des Gesprächs wurde es persönlicher – und humorvoller. Die Schüler fragten Zeitler, warum er Bürgermeister geworden sei. Er erzählte, dass sein Vater bereits im Gemeinderat aktiv war und er selbst schon mit 13 Jahren in ein Freundebuch geschrieben habe, dass er später Bürgermeister werden wolle. „Ich wusste schon früh, dass ich das machen will – und jetzt sitze ich hier“, sagte er mit einem Schmunzeln.
Er erzählte auch eine Anekdote aus seiner Schulzeit: Als er elf Jahre alt war, bekam er von seinem Opa ein Schweizer Taschenmesser geschenkt – ein Moment, auf den er damals stolz war. „Ich habe es mit in die Schule genommen, und alle haben es bewundert, sogar die Lehrer. Heute wäre das undenkbar.“
Auch Humor bewies der Verwaltungschef: Die Frage nach seinem Auto beantwortete er mit einem Augenzwinkern: „Ich fahre natürlich einen Bürgermeisterwagen – einen BMW.“ Die lockere Gesprächsatmosphäre zeigte, dass der Oberbürgermeister nicht nur die politischen Anliegen der Schüler ernst nahm, sondern sich auch als nahbar und bodenständig präsentierte. Die Schüler spürten, dass er wirklich an ihren Ideen und Erfahrungen interessiert war – und dass Politik nicht nur trocken und ernst sein muss.
Der Tag hinterlässt Eindruck
Zum Abschluss zogen die Organisatoren eine positive Bilanz: „Ursprünglich waren nur 15 Minuten für das Gespräch mit dem Bürgermeister geplant – am Ende wurden es 40. Er hat sich wirklich Zeit genommen und alles offen beantwortet. Das erlebt man nicht allzu oft.“
Auch die Schüler waren positiv gestimmt. Ihre anfängliche Aufregung war schnell verflogen. Schuldirektorin Anja Kaiser lobte die Veranstaltung ebenfalls. Sie engagiert sich seit Jahren für politische Bildung an der Schule und hat mit ihrem Deutsch-Leistungskurs bereits Wahlprogramme zur Bundestagswahl sprachlich und inhaltlich analysiert. „Es steht zwar nicht im Lehrplan, aber ich finde, solche wichtigen Themen dürfen dennoch nicht herunterfallen“, erklärte Kaiser.
Zeitler gab den Schülern noch eine klare Botschaft mit auf den Weg: „Macht mit, geht wählen, wenn ihr alt genug seid, engagiert euch in Vereinen, Parteien oder im Jugendgemeinderat – unterstützt unsere Stadt, die Geschäfte und die Gastronomen.“
Text: Rebecca Jankowski, Schwetzinger Zeitung
Fotos: CFG